Mit einer besonderen Ausgabe der „Musik zur Marktzeit“ wurde am 31. Oktober in der Wormser Dreifaltigkeitskirche der Reformationstag begangen. Um 12.05 Uhr, unmittelbar nach dem Mittagsläuten, kamen Besucherinnen und Besucher zusammen, um bei Musik und einem geistlichen Impuls innezuhalten. Die musikalische Gestaltung übernahmen Katharina und Christian Schmitt. Dr. Ulrich Oelschläger, ehemaliger Präses der Landessynode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), begleitete die Veranstaltung mit einer Ansprache.
Im Mittelpunkt stand der bekannte Lutherchoral „Ein feste Burg ist unser Gott“. Verschiedene musikalische Bearbeitungen des Liedes bildeten den Rahmen der Andacht und griffen das Thema des Reformationstags auf. Dabei wechselten sich die Musikstücke mit den Wortbeiträgen Oelschlägers ab. Die Verbindung von Musik und geistlicher Besinnung bot den Besucherinnen und Besuchern Gelegenheit, sich mitten am Tag mit der Geschichte und Bedeutung der Reformation auseinanderzusetzen.
In seiner Ansprache beschäftigte sich Oelschläger mit der Frage, ob „Ein feste Burg ist unser Gott“ tatsächlich als protestantisches Kampflied verstanden werden müsse. Bereits der Dichter Heinrich Heine hatte den Choral als „Marseillaise des Protestantismus“ bezeichnet. Auch in Worms besitzt das Lied eine besondere Tradition: Generationen von Konfirmandinnen und Konfirmanden haben es am Lutherdenkmal gesungen. Mit einer persönlichen Erinnerung aus seiner Kindheit in Westfalen zeigte Oelschläger, wie eng das Lied früher mit der evangelischen Identität verbunden war. In seinem Heimatdorf zogen Kinder am Martinstag von Haus zu Haus und sangen. Beim evangelischen Pfarrer stimmten sie statt des üblichen Martinsliedes den Lutherchoral an. Wer mehrere Strophen auswendig konnte, durfte sich über zusätzliche Süßigkeiten freuen.
Daneben ging Oelschläger auf die Entstehungszeit des Chorals ein. Luther verfasste das Lied vermutlich Ende der 1520er Jahre, einer von religiösen und gesellschaftlichen Konflikten geprägten Zeit. Eine wichtige Grundlage bildete der 46. Psalm mit den Worten „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke“. Die musikalischen Beiträge von Christian und Katharina Schmitt griffen diesen Gedanken auf und führten immer wieder zum Ausgangspunkt der Andacht zurück. So blieb der Choral nicht nur Gegenstand der Ansprache, sondern war zugleich musikalisch präsent. Oelschläger betonte, dass das Lied trotz seiner kämpferischen Sprache nicht als Aufruf gegen andere Konfessionen zu verstehen sei. Vielmehr gehe es um Glaubensgewissheit und das Vertrauen auf Gott. Gerade deshalb könne der Choral auch über konfessionelle Grenzen hinweg verbinden.
Mit der Lesung des 46. Psalms beschloss Oelschläger seinen geistlichen Impuls. Die „Musik zur Marktzeit“ verband damit am Reformationstag musikalische Tradition und historische Erinnerung mit der Gelegenheit, für einen Moment aus dem Alltag herauszutreten.